Einige haben mich gefragt was mit meiner Mama geschehen ist, wie es dazu kam das sie starb. Das ist garnicht so leicht. Wenn ich darüber spreche geht es mittlerweile, aber schreiben ist doch intensiver. Und als ich merkte, dass ich gar nicht weiß ob ich mich so intensiv mit diesem Thema befassen möchte, wurde mir klar, ob ich es nun publiziere oder nicht, aufschreiben muss ich es wohl einmal, für mich. Ich habe lange überlegt ob ich diese sehr persönliche Geschichte in dieser Ausführlichkeit teilen will. Ich habe meinen Bruder gefragt, meine Freunde und meinen Mann was sie alle davon halten. Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass es mir und jedem der etwas ähnliches erlebt hat, bei der Verarbeitung helfen kann. Und es gehört zu meiner Geschichte als Mutter dazu. Denn wie ja bereits erwähnt, lagen nur einige Tage zwischen dem Tod meiner Mama und der Schwangerschaft mit meinem Sohn.

Im November 2013 kam die erste Vermutung, dass meine Mama möglicherweise einen Tumor an der Bauchspeicheldrüse hat. Nach weiteren Untersuchungen und viel hoffen und bangen hatte sich diese Vermutung im Dezember 2013 leider bestätigt. Die Bauchspeicheldrüse ist sehr empfindlich. Und meist endet ein Tumor an diesem Organ nicht gutartig. Als klar war, dass meine Mutter operiert werden muss, ist für mich eine Welt zusammengebrochen. Eine schwerwiegende 6-stündige OP. Ich habe einen ganzen Tag lang nur geweint, war Zuhause und hab mich verkrochen. Ich wollte an diesem Tag nicht mit ihr sprechen um ihr nicht zu zeigen, wie schwer es mich belastete. Sie rief meinen Mann an, sie wusste genau das es mir schlecht ging. Sie bat ihn an dem Tag sich um mich zu kümmern und ich bat ihn sie anzulügen und ihr zu sagen, dass ich einfach einen Mittagsschlaf hielt. Aber meine Mama wusste genau was los war. Sie wusste immer ob es mir gut ging oder nicht. Irgendwie hatte sie so Antennen wenn es um mich ging. Selbst wenn wir uns ein paar tage nicht sprachen, rief sie manchmal plötzlich an und sagte: „ist alles ok mit dir? Ich habe das Gefühl irgendetwas stimmt nicht.“ Meist hatte sie recht. Sie hatte eine riesen Angst vor der OP, aber auch sie wollte uns nicht beunruhigen und versuchte ruhig zu bleiben. Meine Mutter, mein Bruder und Ich sind in dieser Zeit sehr eng beieinander gewesen, wir haben sie fast überall hin begleitet und haben auch so viel Zeit miteinander verbracht. Weihnachten fiel gediegen aus und Silvester nahm ich mir vor es krachen zu lassen und all die Ängste und Lasten für eine Nacht bei Seite zu schieben.

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Ich versuchte positiv zu denken. Alles würde gut werden… Meine Mama hatte am 12.1.14. Geburtstag. Sie war ein typischer Steinbock und wir beide sind oftmals mehr schlecht als recht miteinander ausgekommen. Trotzdem war unsere Beziehung Inning und intensiv und es verging kaum ein Tag an dem wir nicht miteinander sprachen. Ihren Geburtstag wollten wir noch feiern bevor sie ins Krankenhaus käme. Wir haben sie überrascht und ihre Geschwister und Nichten kommen lassen. Es gibt ein wunderschönes Video zu diesem Tag. Sie machte sich im Bad fertig, unsere Familie die aus Prag angereist kam, schlich sich die Treppe hoch und wartete in meinem Esszimmer auf sie. Als meine Mama raus kam war das Geheule und Geknutsche groß. Ich kriege Gänsehaut wenn ich an diesen schönen Moment denke, wie wir uns alle freuten beisammen zu sein. Dieses Wochenende war unglaublich schön. Wir gingen abends in die Blue Man Group Show und am nächsten Tag, zu ihrem Geburtstag, alle gemeinsam essen. Meine Mutter war sehr glücklich. Und ich auch. Wir alle. Am Montag den 13.1.14 wurde sie ins Krankenhaus eingewiesen. Nach stundenlangen Aufklärungen über die Risiken konnte sie endlich ihr Zimmer beziehen. Mein Bruder und ich waren bis zu diesem Moment ununterbrochen bei ihr. Am 14.1.14 dann die Op… Ich konnte an nichts anderes denken. Ich betete das alles gut laufen würde. Ich rief ein paar mal meinen Bruder an ob er schon Bescheid bekam. Es war ein schrecklicher Tag. Soviel Sorge und das lange Warten. Die Op lief länger als erwartet und als endlich der Anruf vom Krankenhaus kam, dass sie nun auf die Intensivstation verlegt wird, stieg ich sofort in mein Auto und fuhr hin. Sie war noch nicht wach als ich in das Zimmer kam. Und ich konnte nicht aufhören zu weinen. Ich streichelte ihren Kopf und redete mit ihr. Wie tapfer sie war… Als sie langsam wach wurde, erkannte sie mich sofort. Sie sagte zu mir “ mein Sonnenschein, guck mal wie taff ich bin, ich lebe noch.“ ich weinte und lachte. “ ja Mama du bist wirklich taff. Ich bin so stolz auf dich“, sie schlief wieder ein. Aber ich blieb. Sehr lange und hielt ihre Hand. Sie wachte immer nur kurz auf, sah sich um, sagte “ schön das ihr da seit“ und schon schlief sie wieder. Mein Bruder und mein Vater ( meine Eltern lebten getrennt aber waren Freunde) kamen kurze Zeit nach mir auch. Und so standen wir da, sprachen einen Moment mit dem Arzt und hielten ihre Hand. Die nächsten Tage waren hart. Ihr ging es schlecht. Sie durfte nicht essen und nur sehr wenig trinken, und sie hatte viel Durst und Schmerzen, auch durch die ganzen Schläuche während der Operation. Ich war jeden Tag da und versuchte sie aufzubauen. Sie wirkte frustriert und die Schwestern waren zum kotzen. Aber Sie rappelte sich auf und es ging ihr zunehmend besser. Dann kam das Ergebnis aus dem Labor. Der Tumor war gutartig. Sie würde keine Chemotherapie machen müssen. Wir haben uns alle so gefreut. Sie könnte bald wieder nachhause. Die Tage vergingen. Sie kam nach etwa einer Woche auf die normale Station und fing an wieder ein paar Schritte zu laufen. Sie hatte Schmerzen, aber es wurde besser. Am Freitag den 24.1.14 war ich um 18 Uhr bei ihr. Ich unterhielt mich mit ihr und wir lachten viel. Sie wirkte so stabil. An dem Tag war ich sehr müde und ging eine Stunde später mit dem Versprechen, am nächsten Tag wieder zukommen und ihr endlich ihre gewünschten Hausschuhe mitzubringen. Meine Freundin Dani und ich machten uns Zuhause einen entspannten Fernsehabend mit überbackenen Nachos. Um zehn rief mein Bruder an. Er fragte mich wo ich bin und dann wusste ich es. Wegen dieser Frage, anhand seiner Stimme… Etwas schlimmes passiert grad. Ich wusste es sofort. Ich sagte zu ihm „Lebt Mama noch?“ Und er sagte „Nein, sie ist gestorben.“ Mich überkam Panik. Ich kann diesen Moment gar nicht beschreiben. Ich bekam keine Luft mehr. Ich sagte ständig „und was nun, und was nun?.“ Er war krank, hatte 40 Fieber. Daniela saß neben mir und weinte. Sie hielt meine Hand, tröstete mich und weinte. Wir holten meinen Bruder ab und in dem Moment als ich ihn sah, realisierte ich, dass wir zwei nun irgendwie allein waren. Wir fuhren ins Krankenhaus. Ich wollte weinen, den Druck irgendwie los werden, aber es kamen keine Tränen. Wir gingen auf die Intensivstation, wo man kurz vor ihrem Tod versucht hatte sie zu reanimieren. Die Ärztin erklärte uns was passiert war. Sie hatte plötzlich Blut gespuckt. Sehr viel davon. Ihre Bettnachbarin hat die Schwestern gerufen. Sie haben ihr Bluttransfusionen gegeben und alles versucht, aber es hatte nicht gereicht… Sie vermutete, dass meine Mutter ein Magengeschwür hatte das geplatzt war und sie ist somit innerlich verblutet ist. Wir konnten mit alle dem nicht viel anfangen. Wie konnte das passieren? Das fragten wir ständig und immer wieder. Wie konnte das nicht berücksichtig werden, dass so etwas passieren kann? Als wir zu ihr ins Zimmer gingen, sah sie aus als würde sie schlafen. Man hatte ihr das Blut abgewaschen, und nur das bisschen geronnene Blut in ihren Mundwinkeln und in ihrer Nase ließen erkennen, was vor kurzer Zeit geschehen war. Sie atmete nicht mehr. Sie lag einfach da und schlief ohne zu atmen. Wir standen neben dem Bett. Fassungslos. Ich hätte sie am liebsten gerüttelt und sie angeschrien, dass sie mit dem Scheiß aufhören sollte. Aber ich wusste, es bringt nichts, sie ist nicht mehr in diesem Körper. Ich verabschiedete mich. ich küsste ihre Stirn und sagte: „Auf wiedersehen, irgendwann sehen wir uns wieder.“ Dani war im Nebenzimmer und wartete auf uns. Ich wüsste nicht was ich an diesem Abend ohne sie gemacht hätte, sie hat das Denken für uns übernommen. Wir fuhren zu meinem Bruder, wo seine zwei Söhne waren und von Esra und ihrem Mann betreut wurden. Wir waren alle sprachlos. Es gab nichts zu sagen. Mein Mann war mit seinem Bruder und seinem Freund in Mainz, weil mein Mann zu der Zeit dort arbeitete und die beiden grad zu besuch waren. Als mein Anruf kam, sind sie ins Auto gestiegen und machten sich sofort auf den Weg nach Berlin. Als alle gegangen waren, mein Bruder sich ins Bett legte und die Jungs schliefen, putze ich die Küche und wartete auf meinen Mann. Er kam um 3 Uhr nachts. Und dann endlich, in seinen Armen, im dunkeln, konnte ich weinen. Ich habe so laut und so lang geweint bis keine Kraft mehr in mir war. Schlafen konnte ich nicht. Ständig sah ich meine Mutter, viel Blut und es tat mir so schrecklich leid, wenn ich daran dachte, wie viel Angst sie gehabt haben musste, als sie realisierte, dass es jetzt vorbei sein würde. Das war der schlimmste Gedanke für mich, was meine Mutter gefühlt haben muss als das alles geschah. Zwei Tage später holte ich ihre verbliebenen Sachen aus dem Krankenhaus. Alles roch nach ihr. Es war kaum auszuhalten. Eine ganze Woche kümmerte mein Mann sich um meinen Bruder und mich. Wir waren nun beide krank und lagen nur im Bett. Heulten, ließen uns einfach gehen. Wir schafften es grad noch so zu einem Beerdigungsinstitut. Sie sollte in Prag beerdigt werden, bei ihren Eltern und so gab es eine Menge zu klären. Wir wollten das die Ursache für ihr Ableben gefunden wurde. Als das Krankenhaus sich Tage Zeit damit ließ, schalteten wir die Polizei ein. Ihr Körper wurde beschlagnahmt und einige Zeit danach obduziert. Sie hatte eine Geschwür an der bei der Operation gelegten Dünndarmschlinge. Man nennt es auch Stressulkus. Noch heut liegt der Fall einem Anwalt vor. Vielleicht war es ein Kunstfehler, doch auch wenn es so ist, ist es sehr schwer dagegen vorzugehen. Am 5.2. sollte ich Abends nach Prag fliegen. Am selben Tag machte ich den Schwangerschaftstest. Positiv. Ich ging noch schnell zum Arzt und der bestätigte mir meine Schwangerschaft. Ich freute mich und war traurig. Mein Mama lag mir schon ewig in den Ohren wie sehr sie sich ein Enkel von uns wünscht. Jetzt würde dieser Enkel kommen und sie würde ihn nicht mehr erleben. Es vergingen 3 Wochen, bis sie am 14.2  beerdigt werden konnte. Für mich hieß es durchhalten und Arell im Bauch gut zureden, dass ich mich auf ihn freue und das ich nicht wegen ihm traurig bin oder weil die Welt schlecht ist. Ich habe noch lange getrauert. Einige Monate war ich zu nichts zu gebrauchen und lag nur im Bett und habe geweint, geschlafen und meinem Baby zu liebe zwischendurch mal etwas gegessen. Ich war niemandem Freundin in dieser Zeit, ich konnte einfach nicht. Aber es wurde besser. Die Zeit heilt Wunden. Bei der Geburt von Arell lag mein Fokus auf ihm und ich erlebte so besondere Momente, dass der Tod meiner Mutter in den Hintergrund rückte. Als ein Jahr vergangen war, wurde es leichter. Ich bin mit Arell zum Todestag nach Prag gefahren und habe meine Mutter besucht. Das alles tat weh, tut es auch jetzt. Aber ich kann nun damit umgehen. Ich bin froh das sie ihren 60. Geburtstag so wunderschön verbracht hat, wir alle. Das wir alle zusammen kamen und die Zeit richtig genossen haben. Das macht mich jetzt im Nachhinein sehr glücklich. Ich träume oft von ihr, und ich träume gern von ihr. So ist sie manchmal noch bei mir und ich kann mit ihr reden, auch wenn es vielleicht, vielleicht auch nicht, nur „Filme“ meines Unterbewusstseins sind. Sie hat immer ein Platz in meinen Gedanken und in meinem Herzen. Heutzutage kann ich schon über sie reden und lachen, wenn ich etwas witziges von mir und ihr erzähle.

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Ich habe zu meinem ersten Beitrag so positive Resonanz bekommen, und viele erzählen mir wie sie den Tod eines geliebten Menschen erlebt haben. Das gibt mir Kraft und hilft mir damit umzugehen. Und vielleicht gebe ich auch jemandem Kraft und Zuversicht mit meiner Geschichte. Wir alle empfinden in so schweren Zeiten ähnlich und wir alle können es schaffen weiter nach vorn zu blicken und diesen einen Menschen in unserer Erinnerung zu würdigen und zu wahren. Ich glaube sie ist immer bei uns. Bei allen die sie geliebt hat, und die sie geliebt haben. Ich stelle mir vor das sie uns zusieht, wie wir so leben und meinem Sohn eine Art Schutzengel ist. Wir sind Energie und Energie ist überall in jedem Gegenstand, in jeder Zeit, in jedem Millimeter. Und so ist sie für mich da. Überall und nirgends…

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A

3 Kommentare

  1. Ich bin gerade so überwältigt und fast sprachlos. Aber eines möchte ich dir sagen: Was du hier geschrieben hast, ist eines der mutigsten und bewundernswertesten Dinge die ich je gelesen habe. Etwas so persönliches zuteilen in der Hoffnung anderen Menschen Mut zu machen ist großartig. Vielen lieben Dank an dich dass du die Welt daran teilhaben lässt. Liebe Grüße aus Wien 🙂

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